
In unserer Rubrik „Albblicke – Geschichten hinter den Momenten“ präsentieren wir Dir regelmäßig besondere Momente und Orte der Schwäbischen Alb, eingefangen in einem einzigen Foto. Heute blicken wir auf einen stählernen Riesen, der sich 30 Meter über die weite, baumlose Kuppenlandschaft des ehemaligen Truppenübungsplatzes Münsingen erhebt – den Aussichtsturm Heroldstatt. Was auf den ersten Blick wie ein nüchternes Überbleibsel militärischer Infrastruktur wirkt, entpuppt sich bei genauerem Hinsehen als eines der faszinierendsten Ausflugsziele auf der Schwäbischen Alb. Denn von seiner Aussichtsplattform aus öffnet sich ein 360-Grad-Panorama, das seinesgleichen sucht: sanft geschwungene Hügel, endlose Wacholderheiden, dichte Wälder – und bei klarer Sicht sogar die schneebedeckten Gipfel der Alpen am Horizont. Komm mit auf eine Reise in die Geschichte und Schönheit dieses einzigartigen Ortes.
Inhaltsverzeichnis
- Vom Beobachtungsposten zum Panorama-Erlebnis: Die Geschichte des Heroldstatt-Turms
- Ein Aufstieg, der Mut belohnt: Was Dich oben erwartet
- Das Biosphärengebiet Schwäbische Alb: Wenn das Militär der Natur einen Gefallen tut
- Vier Türme, vier Perspektiven: Die Geschwister des Heroldstatt-Turms
- Gruorn: Das Dorf, das dem Militär weichen musste
- Dein Ausflug zum Heroldstatt-Turm: So planst Du ihn perfekt
- Ein Blick, der die Seele weitet
- Besucherinfos: Aussichtsturm Heroldstatt auf einen Blick
Vom Beobachtungsposten zum Panorama-Erlebnis: Die Geschichte des Heroldstatt-Turms
Die Geschichte des Aussichtsturms Heroldstatt beginnt nicht etwa mit dem Tourismus, sondern mit dem Militär. Im Mai 1981 wurde die markante Stahlgitterkonstruktion auf einer Anhöhe von 810 Metern über dem Meeresspiegel errichtet – als einer von mehreren Beobachtungstürmen auf dem damals noch aktiven Truppenübungsplatz Münsingen. Seine Aufgabe war klar: Von hier aus koordinierten Offiziere die Truppenübungen, beobachteten Panzer, die über die 36 Kilometer lange Panzer-Ringstraße rollten, und überwachten den Übungsbetrieb auf dem riesigen Areal.
Der Truppenübungsplatz selbst hat eine weitaus längere Geschichte. Bereits am 3. August 1895 unterzeichnete König Wilhelm II. von Württemberg die Ermächtigung zur Enteignung von Grundstücken auf dem Münsinger Hardt. Damit begann die Ära eines der größten und bedeutendsten Übungsplätze in ganz Deutschland. Über 110 Jahre lang – durch Kaiserreich, zwei Weltkriege, französische Besatzung und Bundeswehr-Ära hindurch – prägte das Militär dieses 6.700 Hektar große Gebiet im Herzen der Schwäbischen Alb.

Am 21. Oktober 2005 wurde der Truppenübungsplatz schließlich außer Dienst gestellt. Der letzte Schuss war bereits am 9. Dezember 2004 gefallen. Was folgte, war eine bemerkenswerte Verwandlung: Das einstige Sperrgebiet wurde schrittweise für die Öffentlichkeit geöffnet, und der Schwäbische Albverein übernahm die Betreuung der ehemaligen Beobachtungstürme. Seit April 2006 können Wanderer und Radfahrer auf freigegebenen Wegen dieses faszinierende Areal erkunden – und der Heroldstatt-Turm wurde vom militärischen Werkzeug zum beliebten Aussichtspunkt für Naturfreunde und Geschichtsinteressierte.
Ein Aufstieg, der Mut belohnt: Was Dich oben erwartet

Eines vorweg: Wer Höhenangst mitbringt, sollte sich den Aufstieg gut überlegen. Der Heroldstatt-Turm ist eine offene Stahlgitterkonstruktion – das bedeutet, Du schaust beim Aufstieg durch das Metallgerüst ständig nach unten. Der Boden unter den Füßen ist sichtbar, der Wind pfeift durch die Streben, und mit jedem Meter wird das Gefühl von Höhe intensiver. Befinden sich gleichzeitig mehrere Personen auf dem Turm, beginnt die Konstruktion sogar leicht zu schwingen – ein Erlebnis, das dem Adrenalin durchaus zuträglich ist. Aus Sicherheitsgründen ist die Besucherzahl daher auf zehn Personen gleichzeitig begrenzt.
Doch wer sich traut, wird reichlich belohnt. Auf 30 Metern Höhe angekommen, eröffnet sich ein atemberaubendes Rundumpanorama. Der Blick schweift in alle vier Himmelsrichtungen über eine Landschaft, die in ihrer Weite und Unberührtheit kaum zu überbieten ist. Nach Süden blickst Du über die Lutherischen Berge und den Höhenzug des „Landgerichtes“ – und bei klarem Wetter zeichnen sich am Horizont die Alpen ab, eine zarte Silhouette aus Schnee und Fels. Nach Osten siehst Du über die Ortsteile Ennabeuren und Sontheim hinweg bis zur markanten Turmspitze des Ulmer Münsters – dem höchsten Kirchturm der Welt. Die tief eingekerbten Täler von Tiefental und Schmiechtal formen sanfte Einschnitte in die karstige Hochfläche und verleihen der Landschaft eine ganz eigene Dramatik.

Was den Ausblick aber wirklich einzigartig macht, ist das Gefühl der absoluten Stille und Weite. Keine Straßen durchschneiden das Gelände, keine Siedlungen stören das Bild. Hier schaust Du auf eine der größten zusammenhängenden, von Straßen unzerschnittenen Offenlandflächen Deutschlands – eine Kulturlandschaft, wie sie auf der Alb vor über hundert Jahren überall zu finden war. Dieses Paradox – dass ausgerechnet die jahrzehntelange militärische Nutzung diese ursprüngliche Landschaft konserviert hat – macht den Reiz dieses Ortes aus.
Das Biosphärengebiet Schwäbische Alb: Wenn das Militär der Natur einen Gefallen tut

Es klingt paradox, aber es ist wahr: Die über hundert Jahre währende militärische Nutzung hat dem Münsinger Hardt einen unbeabsichtigten Dienst erwiesen. Während ringsum auf der Schwäbischen Alb Flurbereinigungen, Siedlungsbau und intensive Landwirtschaft die Landschaft veränderten, blieb dieses Gebiet davon verschont. Stets nur durch Schafe beweidet, konnte sich hier eine parkartige Weidelandschaft erhalten, wie sie im 19. Jahrhundert auf der gesamten Alb verbreitet war – offene Wacholderheiden, lichte Hutewälder und blütenreiche Magerwiesen, so weit das Auge reicht.
Diese einzigartige Naturkulisse war es auch, die dazu führte, dass der ehemalige Truppenübungsplatz 2008 zur Kernzone des neu eingerichteten Biosphärengebiets Schwäbische Alb erklärt wurde. Ein Jahr später, 2009, erfolgte die Anerkennung als UNESCO-Biosphärenreservat. Es war das erste Großschutzgebiet in ganz Baden-Württemberg – und der ehemalige Truppenübungsplatz Münsingen ist bis heute der einzige in Deutschland, der vollständig für die Öffentlichkeit freigegeben und besuchbar ist.
Die Natur hat sich das Gelände auf faszinierende Weise zurückerobert. Rehe, Wildschweine, Hasen und Füchse streifen tagsüber frei umher, da der geringe Jagddruck ihnen ein Leben nach ihrem natürlichen Rhythmus ermöglicht. Selbst die Spuren der Panzer haben überraschend positive Effekte hinterlassen: Dort, wo schwere Kettenfahrzeuge den Karstboden verdichtet haben, sammelten sich kleine Wasserflächen – auf der wasserarmen Alb eine Seltenheit, die neue Lebensräume für seltene Tier- und Pflanzenarten geschaffen hat. Sogar der seltene Steinschmätzer hat sich an freigelegten Felsriegeln angesiedelt, die von drehenden Panzern freigelegt wurden.
Vier Türme, vier Perspektiven: Die Geschwister des Heroldstatt-Turms
Der Heroldstatt-Turm ist nicht allein. Insgesamt vier Türme stehen auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz der Öffentlichkeit zur Verfügung, und jeder von ihnen hat seinen eigenen Charakter. Der mit 42 Metern höchste und imposanteste ist der Turm Hursch bei Zainingen, dessen Aussichtsplattform auf 895 Metern Meereshöhe liegt und bei gutem Wetter einen nahezu grenzenlosen Fernblick bis zu den Alpen bietet. Der Turm Waldgreut, ebenfalls bei Zainingen gelegen, ist mit 20 Metern der kleinste der drei Stahlgittertürme, besticht aber durch seine eingebettete Lage inmitten der Vegetation des Biosphärengebiets. Der vierte im Bunde ist der gemauerte Sternenbergturm bei Böttingen, der mit nur acht Metern der niedrigste, aber vielleicht gemütlichste Aussichtspunkt ist.
Alle drei Stahlgittertürme – Hursch, Waldgreut und Heroldstatt – stammen aus dem Jahr 1981 und befinden sich heute im Besitz des Schwäbischen Albvereins, der sie ehrenamtlich betreut und instandhält. Am Eingang jedes Turms findest Du eine kleine Vertrauenskasse. Ein Euro wird als Beitrag zum Erhalt erbeten – aber natürlich darfst Du gerne auch etwas mehr einwerfen. Der Heroldstatt-Turm ist als zweithöchster besonders reizvoll, weil er den östlichen Bereich des Platzes erschließt und Blickachsen ermöglicht, die von den anderen Türmen aus nicht sichtbar sind.
Gruorn: Das Dorf, das dem Militär weichen musste

Wenn Du den Truppenübungsplatz besuchst, solltest Du unbedingt auch das verlassene Dorf Gruorn kennenlernen – es ist einer der bewegendsten Orte auf der gesamten Schwäbischen Alb. Gruorn war ein stattliches Bauerndorf, erstmals 1254 urkundlich erwähnt, mit einer langen Geschichte und einer lebendigen Gemeinschaft. 1937 fiel der Beschluss, die gesamte Gemarkung in den Truppenübungsplatz einzubeziehen. Die damals 665 Bewohner hatten zwei Jahre Zeit, ihre Heimat zu verlassen. Im Mai 1939 war das Dorf geräumt.
Was folgte, waren Jahrzehnte der Zerstörung. Die Häuser dienten als Kulissen für Häuserkampfübungen, verfielen und wurden schließlich aus Sicherheitsgründen gesprengt. Nur das Schulhaus, das für militärische Zwecke weitergenutzt wurde, und die mittelalterliche Stephanuskirche blieben übrig. Die Kirche war dem Verfall preisgegeben, bis engagierte ehemalige Bewohner und ihre Nachkommen sie zwischen 1971 und 1973 in einer bemerkenswerten Gemeinschaftsleistung wieder aufbauten. Heute ist die Stephanuskirche mit ihren zwischen 2004 und 2012 neugestalteten Kirchenfenstern ein Mahnmal gegen Krieg und Zerstörung – und ein lebendiger Ort der Erinnerung.
Zweimal im Jahr, an Pfingsten und Allerheiligen, treffen sich die ehemaligen Gruorner, ihre Nachkommen und Freunde in ihrem alten Dorf. Es sind emotionale Begegnungen, bei denen Geschichten erzählt, Erinnerungen geteilt und die Verbundenheit mit der verlorenen Heimat lebendig gehalten wird. Wenn Du Gruorn besuchst – es ist nur zu Fuß oder per Rad erreichbar –, spürst Du diese besondere Atmosphäre an jeder Ecke.

Dein Ausflug zum Heroldstatt-Turm: So planst Du ihn perfekt
Der Aussichtsturm Heroldstatt ist über den Ortsteil Ennabeuren der Gemeinde Heroldstatt erreichbar. Der ideale Parkplatz befindet sich direkt gegenüber der wunderschönen Schönstatt-Kapelle am nordwestlichen Ortsrand von Ennabeuren. Von dort führt ein kurzer, gut begehbarer Weg über die ehemalige Panzer-Ringstraße und einen Schotterweg am Waldsaum entlang direkt zum Turm – in wenigen Minuten bist Du da.
Mein Tipp: Nimm Dir etwas zu Essen und Trinken mit! Rund um den Turm gibt es mehrere Sitzmöglichkeiten mit Tisch, die zum Verweilen einladen. Nach dem Aufstieg ein Vesper mit Blick auf die endlose Weite des Biosphärengebiets – das ist Schwäbische Alb vom Feinsten. Und vergiss die Kamera nicht: Die Lichtstimmungen, besonders am späten Nachmittag, wenn die Sonne die Hügel in warmes Gold taucht, sind schlichtweg magisch.
Wichtig zu wissen: Auf dem ehemaligen Truppenübungsplatz dürfen ausschließlich die freigegebenen und mit gelber Raute markierten Wege benutzt werden. Im Boden stecken noch immer unzählige Blindgänger aus über hundert Jahren militärischer Nutzung. Das Verlassen der Wege ist nicht nur verboten, sondern lebensgefährlich – es drohen Bußgelder bis zu 50.000 Euro. Halte Dich also bitte an die Beschilderung. Für alle, die noch tiefer in die Geschichte eintauchen möchten, bieten die sogenannten TrÜP-Guides von April bis November geführte Exkursionen an, bei denen Du sichere Stellen abseits der Hauptwege erleben und faszinierende Geschichten über das Gelände erfahren kannst.
Ein Blick, der die Seele weitet
Es gibt Orte auf der Schwäbischen Alb, die mehr sind als nur ein Ausflugsziel. Der Aussichtsturm Heroldstatt ist so ein Ort. Hier oben, auf der offenen Plattform mit dem Wind in den Haaren und dem endlosen Panorama vor Augen, wird klar, warum dieses Stück Erde so schützenswert ist. Du stehst auf einem Bauwerk, das einst dem Krieg diente – und das heute zu einem Symbol für die Kraft der Natur und die Möglichkeit der Verwandlung geworden ist. Von der militärischen Beobachtungsstation zum friedlichen Aussichtspunkt im UNESCO-Biosphärenreservat – wenn das kein Grund zum Staunen ist.
Hast Du den Heroldstatt-Turm schon besucht? Welche Blickrichtung hat Dich am meisten fasziniert – die Alpen im Süden, der Ulmer Münster-Turm im Osten oder die schiere Weite des Übungsplatzes? Teile Deine Eindrücke und Erlebnisse gerne in den Kommentaren! Und wenn Du noch mehr Inspiration für Dein nächstes Alb-Abenteuer suchst, dann stöbere in unseren weiteren Artikeln rund um die wunderschöne Schwäbische Alb.
Die Schwäbische Alb zeigt uns immer wieder, wie aus Geschichte Zukunft werden kann. Der ehemalige Truppenübungsplatz Münsingen, der Aussichtsturm Heroldstatt und das verlassene Dorf Gruorn erzählen davon – von Verlust und Erneuerung, von Zerstörung und Heilung. Und von einer Landschaft, die in ihrer stillen Schönheit alles überdauert. Ein Schatz, den es zu bewahren gilt – für uns und für alle, die nach uns kommen.
Ausflugsziele & Ausflüge auf der Schwäbischen Alb
Hier findest Du die meiner Meinung nach schönsten Ausflugsziele auf der Schwäbischen Alb. An allen Orten bin ich selber mehrfach gewesen. Die Schwäbische Alb bietet einige Sehenswürdigkeiten, die Du unbedingt entdecken solltest. Wir sehen uns – auf der wunderschönen Schwäbischen Alb.
Wanderungen auf der Schwäbischen Alb
Hier findest Du meine Wanderungen auf der Schwäbischen Alb mit genauer Streckenbeschreibung, Fotos und teilweise auch Videos. Natürlich auch eine Karte der Anfahrt.
Ruine Reußenstein – wunderschöne Burgruine am Albtrauf
Eine der spektakulärsten Burgruinen der Schwäbischen Alb, dramatisch auf einem Felsen über dem Neidlinger Tal gelegen. Ein Muss für jeden Alb-Entdecker.
Rundwanderweg Papiermühle – Filsursprung – Ruine Reußenstein – Autal
Eine wunderschöne Rundwanderung auf der Schwäbischen Alb, die Natur, Geschichte und atemberaubende Ausblicke perfekt vereint.
Besucherinfos: Aussichtsturm Heroldstatt auf einen Blick
- Adresse: Turm Heroldstatt, R22, 72525 Ehemaliger Truppenübungsplatz Münsingen (bei Ennabeuren, Gemeinde Heroldstatt)
- Höhe des Turms: 30 Meter (Aussichtsplattform auf ca. 810 m ü. NN)
- Erbaut: 1981 als militärischer Beobachtungsturm
- Öffnungszeiten: Täglich geöffnet, ganzjährig frei zugänglich
- Eintritt: Freiwillige Spende über Vertrauenskasse (empfohlen: 1 Euro für den Erhalt durch den Schwäbischen Albverein)
- Max. Besucherzahl auf dem Turm: 10 Personen gleichzeitig
- Parkplatz: Kostenloser Parkplatz am nordwestlichen Ortsrand von Ennabeuren, gegenüber der Schönstatt-Kapelle an der K 7408
- Google Maps (Parkplatz): Auf Google Maps anzeigen
- Gehzeit vom Parkplatz: Ca. 10–15 Minuten zu Fuß
- Betreut durch: Schwäbischer Albverein e.V. (ehrenamtlich)
- Hinweis: Nur freigegebene Wege (gelbe Raute) benutzen! Blindgängergefahr abseits der Wege. Aufstieg auf eigene Gefahr.
- Kombinations-Tipp: Verbinde den Besuch mit einer Wanderung zum verlassenen Dorf Gruorn oder dem Kalkofen auf dem Truppenübungsplatz
- Geführte Touren: TrÜP-Guides bieten von April bis November Exkursionen an. Infos bei der Touristik Information Münsingen
- Mehr Infos: muensingen.com » | biosphaerengebiet-alb.de »




